Geschichte des Notarztdienstes

Die Geschichte des Notarztdienstes im Kreis Ludwigbsburg

Modernste Rettungsmittel (1978)

Der folgende Text wurde freundlicherweise von Dr. med. Werner Heilgeist zur Verfügung gestellt, der diesen Vortrag 2007 anlässlich des 30-jährigen Notarzt-Jubiläums gehalten hat. Viel Spaß beim Lesen:

Als wir vor 30 Jahren mit dem Notarztdienst in Ludwigsburg offiziell begannen habe ich kaum dran gedacht nach so langer Zeit Rückblick zu halten auf das Vergangene und vor allem auf das fast Vergessene „Wie hat sich das entwickelt“.

Als einer derjenigen, die in den Geburtsstunden des Rettungs- und Notarztdienstes im Kreise mitbeteiligt waren habe ich mein Gedächtnis angekurbelt, alte Fotobücher und Aufzeichnungen durchgewälzt, mich mit ehemaligen Mitarbeitern ausgetauscht und wie könnte es anders sein in alten Erinnerungen und Geschichten geschwelgt.

Die Floskel „früher war alles besser“ trifft aber in diesem Bereich sicher nicht zu. Die medizinische und technische Entwicklung hat solch gewaltige Fortschritte genommen, dass alle Beteiligten landesweit zu Verbesserungen in Organisation und Versorgung der Patienten gezwungen waren.

Um die Entstehung des Notarztdienstes im Landkreis so anschaulich wie möglich zu machen versetzen wir uns einmal an den Anfang der 70-er Jahre.  Wie war die Situation im Rettungsdienst? Sie war im Rückblick gesehen chaotisch. Jeder der in irgend einer Weise mit Krankentransport oder Rettungsdienst in Verbindung war, versuchte seine Interessen in den Vordergrund zu schieben. Eifersüchteleien zwischen den Organisationen und ein Mangel an klaren Worten und Richtlinien von vorgesetzten Stellen herrschten vor. Der Leidtragende war oft der Patient, dem die notwendige Hilfe manchmal versagt blieb. 1974 wurde endlich die Rettungsleitstelle in der Reuteallee eingerichtet und so langsam kam es mit den Parteien zu einem Konsens. Aus Mangel an ärztlichem Personal wurde die damals hier stationierte Bundeswehr um Hilfe gebeten. In großzügiger Art und Weise haben Sanitätssoldaten und Ärzte aus dem San-bereich über lange Zeit geholfen. Meist unentgeltlich.

Zu dieser Zeit wuchs in der Notfallmedizin die Erkenntnis, dass bereits vor Ort wichtige medizinische Maßnahmen geleistet werden müssen, um den Patienten für den Transport ins Krankenhaus zu stabilisieren und eine optimale nachfolgende Behandlung zu ermöglichen.

Bis dahin war es üblich, den Patienten einfach aufzunehmen und so schnell wie möglich, aber weitgehend unversorgt, in ein Krankenhaus zu transportieren. Wir benannten damals diese Helfer als „Hau-ruck-Sanitäter“, noch lange Zeit unsere größten Gegner des Notarztdienstes.

In vielen Ländern wurden für diese Erstversorgung nicht-ärztliche Helfer mit einer erweiterten Ausbildung qualifiziert. Als bekanntestes Beispiel die Paramedics in Amerika und Großbritannien. In Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern  wurde dagegen der Ansatz gewählt, Ärzte direkt vor Ort einzusetzen. Es gab zum Teil abenteuerliche Experimente, wie beispielsweise der Einsatz eines kompletten Operations-Teams mit Bus und einem Anhänger für das Notstromaggregat in Heidelberg.

Hinzu kommt, dass zu diesem Zeitpunkt die Begriffe „Notarzt“ und „Rettungsdienst“ rechtlich gesehen quasi im Raum schwebende Begriffe waren. Erst die Verabschiedung der Rettungsdienstgesetze in den einzelnen Bundesländern hat eine Basis und Normen geschaffen.

Mitte der 70-er hat dann auch das DRK Ludwigsburg einen Rettungswagen beschafft, der den gesetzlichen Normen nach DIN 75 080 entsprach. Wir hatten zudem einen Stamm von unglaublich motivierten und engagierten Rettungssanitätern, die sich ganz der Notfallmedizin verschrieben hatten. Als damaliger Leiter der neu gegründeten Arztgruppe im Katastrophenschutz kam ich sowohl in der Ausbildung als auch in der klinischen Tätigkeit in Ludwigsburg und Marbach mit dem Rettungsdienst in Kontakt.

Einen Großteil meiner Freizeit bestand in der intensiven Schulung und Vorbereitung der Rettungssanitäter in ihrer Tätigkeit auf dem Rettungswagen. Alle haben es in ihrer Freizeit getan. Ergänzt wurde die Theorie durch die vielen Einsätze, die dann automatisch die praktische Erfahrung brachten. Als Beispiel möchte ich nur das Erlernen eines EKG erwähnen:
Aus der Klinik und der Praxis meines Vaters habe ich eine Unzahl von EKG-Streifen mit allen Arten der Rhythmusstörungen, akuten Infarkt, Kammerflattern  und –flimmern und vorneweg natürlich das normale Bild eines EKG´s gesammelt und den Männern so lange vorgelegt, bis jeder wusste was die vorher fremdartigen Zacken zu bedeuten hatten und auch in der Lage waren, ein normales EKG von einem pathologischen EKG zu unterscheiden. Wir lernten den Umgang mit der damals neuen Entwicklung der Schaufeltrage, Übungen mit der Feuerwehr und Informationsgespräche mit der Polizei, Medikamentenkunde, Intubation, Reanimationsübungen usw. usw.

Und das alles hat sich abgespielt bevor ein regulärer Notarztdienst ins Leben gerufen wurde. Die Leistungsfähigkeit des nichtärztlichen Personals war allerdings aufgrund der gesetzlichen Vorschriften erheblich eingeengt. Allen war bewusst, dass das System nur optimal funktionieren konnte wenn ein Notarzt mit an Bord war.

Zunächst beschränkte sich die notärztliche Tätigkeit darauf, dass ich gelegentlich wenn ich gerade frei hatte bzw. an einem Wochenende auf einem Rettungswagen mitfuhr. Vor 30 Jahren war die personelle Situation mit Ärzten an den Krankenhäusern ähnlich wie heute. Zu der personell engen Besetzung kam dann noch eine gewisse Angst vor der unbekannten Aufgabe.

In unserer Einsatztätigkeit sind wir in den ersten Jahren zu der Überzeugung gekommen, dass die verschiedenen Aufgaben des Notarztes dann optimal erfüllt werden können, wenn ein ständiger Kontakt des Arztes zur Klinik besteht .
Für das Rote Kreuz war es nicht einfach Ärzte im Krankenhaus zu finden und eine Vereinbarung mit dem Träger zu treffen, die eine verlässliche Zusammenarbeit und auch die rechtliche Absicherung garantierte. Sehr viel schneller war da die Deutsche Rettungsflugwacht. Eines Tages stand der Hubschrauber vor der Tür und der damalige Chefarzt der Unfallchirurgie Dr.Gerlitzky – bekannt für unkonventionelle und rasche Entscheidungen – hatte in uns ärztlichen Mitarbeitern gleich begeisterte „fliegende Notärzte“ gefunden und ehe wir uns versahen waren wir in ganz Süddeutschland mit dem Hubi unterwegs, einer Tätigkeit der allerdings mancher Kollege nicht gewachsen war.

Bei der Organisation des bodengebundenen Notarztdienstes haben wir uns bewusst auf das sog. Rendez-vous-System konzentriert, d.h. der Notarzt fährt in einem separaten kleineren Wagen, dem sog. Notarzteinsatzfahrzeug –NEF- zur Notfallstelle, entweder gleichzeitig mit dem alarmierten Rettungswagen oder wird von dem bereits vor Ort befindlichen Rettungswagen angefordert. Die verschiedenen Voraussetzungen für das Mitwirken des Notarztes waren dann endlich gegeben:

  • Bereitstellung von Notarztwagen durch das DRK
  • Ein funktionierendes Meldesystem über die Rettungsleitstelle
  • Freistellung und Finanzierung der Ärzte durch den Krankenhausträger und ausreichender Versicherungsschutz

Wenn wir unseren Landkreis auf der Karte einmal anschauen sehen wir zunächst die vorhandenen Rettungswachen in Marbach, Ludwigsburg, Bietigheim und Vaihingen. Die Entfernungen bis zur Kreisgrenze sind beachtlich, zumal es oft über Landstrassen geht.

Wichtig für die zu erwartenden Einsätze sind zu erwähnen zum einen die Autobahn A81, die den Landkreis durchschneidet und die beiden stark befahrenen Bundesstrassen B27 und B10.

NEF 1977

Zur Verfügung stand uns als  Zubringerfahrzeug –NEF- dieses Auto (siehe Foto). Im Fahrzeug mitgeführt wurden damals

  • 2 Notarztkoffer
  • EKG – Sicht- und Schreibgerät
  • Defibrillator
  • Beatmungsgerät
  • Reserve-Medikamenten-Set
  • Verschiedenes Material zur Bergung und Absicherung

Die Rettungswagen waren nach der DIN 75 080 eingerichtet und hatten als Zusatzausrüstung medizinisch-technisches Material

  • EKG-Sicht und Schreibgerät
  • Defibrillator
  • Notfallmedikamente
  • Schaufeltrage
  • Notfallkoffer

Der Landkreis Ludwigsburg konnte sich also vor 30 Jahren glücklich schätzen die modernsten Rettungsmittel zur Verfügung zu haben.

Lassen sie mich jetzt noch einige Worte zu unseren Erfahrungen sagen, die wir in den ersten Jahren mit unserem Notarztdienst gemacht haben.

Ein erstes Ziel war natürlich so rasch wie möglich am Notfallort zu sein, ein Thema, das auch heute noch aktuell ist. In dieser Abbildung (siehe unten) habe ich ihnen die 5-Minuten-Abstände von Ludwigsburg aus eingezeichnet. 41 % aller Einsätze haben wir innerhalb von 5-10 Minuten erreicht. Dies betraf die Stadtgebiete von Ludwigsburg und Kornwestheim. 31 % der Einsatzorte konnte in 10-15 min erreicht werden. Bei 17 % der Einsätze betrug die Fahrzeit 15 –20 Minuten. Der Rest verteilte sich auf die äußersten Kreisgebiete, bei denen unter widrigen Umständen eine Anfahrtszeit von 30-35 min nicht selten war.

Die Erstversorgung bei den weiter weg gelegenen Einsatzorten setzte durch den Einsatz des Rettungswagens wesentlich früher ein, da dessen Anfahrtsweg logischerweise kürzer war. Nach 4 Jahren wurde auf Grund der hohen Einsatzzahlen ein zusätzlicher Notarzt am KH Bietigheim tagsüber eingesetzt, der zwischenzeitlich rund um die Uhr im Dienst ist.

Als ich mir die Einsatzzahlen der vergangenen Jahre besorgt habe war ich doch gelinde gesagt überrascht über die gigantischen Zahlen. In den Jahren 1977 bis 1979 waren wir der Meinung dass wir das eine oder andere Mal unnötig alarmiert worden zu sein. So kam es am Anfang zum Beispiel relativ häufig vor, dass wir nur zur Todesfeststellung gerufen wurden, wobei sich die Situation bei der Meldung völlig konträr dargestellt hatte. Ein häufiger Alarmierungsgrund warbder Konsum harter Drogen vor allem Heroin mit all seinen fatalen Wirkungen.

Aber noch mal rasch ein paar Zahlen bezüglich der Einsätze:

  • 1977 im ersten Jahr waren es 738 Einsätze
  • 1978 dann 989 und
  • 1979 dann 1192

Und jetzt die aktuellen Zahlen:

  • 1995:  2 885
  • 2005:  3 564
  • 2007:  4 210
  • 2011:  6500 (durch Redaktion ergänzt)

Man sollte es kaum glauben! Die Ursache dieser Steigerung sollte hier nicht diskutiert werden. Ich denke man könnte dafür ein eigenes Symposium darüber abhalten.

Ein deutlicher Trend in den letzten 20-30 Jahren ist bei der Anzahl der schweren Verkehrsunfälle zu beobachten. Diese haben erfreulicherweise deutlich abgenommen, der internistische Notarzteinsatz dominiert mit über 70 % deutlich.

Die Arbeit des Notarztes erfordert ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft, Flexibilität und Verantwortungsbewusstsein. Nicht jeder Arzt ist dieser Arbeit gewachsen weil sie auch unter Umständen physisch und psychisch viel Kraft erfordert.

So langsam nähere ich mich dem Ende meiner Ausführungen und möchte nicht vergessen lassen, dass nicht alles nur Arbeit, Mühe, Schweiß und Ärger gekostet hat. Vor allem in den ersten Jahren hatten wir eine Truppe von Ärzten beieinander, die durch die Notarzttätigkeit fachübergreifend verbunden waren. Die großartige Arbeit aller am Rettungsdienst tätigen Mitarbeiter vom DRK und ASB trugen dazu bei, dass man meist in einer ungetrübten harmonischen Atmosphäre miteinander arbeitete und sich einer auf den anderen verlassen konnte.

Die am Hubschrauberdienst beteiligten Notärzte erhielten als Anerkennung für ihre Arbeit vom Landkreis die „Eberhard-Ludwig-Erinnerungsmedaille“. Natürlich hatten wir auch etwas für den Stressabbau getan. Zum Beispiel: einen unvergesslichen Ausflug mit den Familien ins Jagsttal mit der Eisenbahn, die man sich für einen Tag mieten konnte. Oder: unsere „Notarztralley“, bei der es natürlich nicht um Geschwindigkeit ging sondern es mussten alle möglichen Aufgaben unterwegs gelöst werden. Mancher Abend endete in feucht-fröhlicher Stimmung.

Und jetzt zum Schluß das Fazit. Was hat sich geändert:

Ich denke man kann es in wenigen Sätzen benennen:
Die Einsatzzahlen haben massiv zugenommen. Die Transportmittel sind komfortabler geworden und vor allem sicherlich auch mit einer moderneren Ausstattung versehen. Kurzum es  ist alles viel größer geworden, vielleicht auch etwas unpersönlicher. Ob es besser geworden ist möchte ich nicht beurteilen. Ich wünsche es den Patienten.

Dr. med. Werner Heilgeist 2007